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Nicht zuletzt ist die Praxis der Kunde
einer angewandten Wissenschaft. Wie überall, gilt es intensiven Kontakt mit
seinen Kunden zu pflegen, deren Bedürfnisse zu kennen und vorherzusagen, um
ihnen entsprechende Angebote machen zu können. Dieser Aufgabe wird die
Wirtschaftspsychologie oft nicht ausreichend gerecht.

Abbildung: Transfer als Herausforderung
Die erste Ursache für eine mangelnde
übergreifende Perspektive zeichnet sich schon bei der Betrachtung des Kontakts mit den Kunden in der Praxis
ab. Einige Lehrstühle, die der Wirtschaftspsychologie zuzuordnen sind, werden
von Personen ohne entsprechende praktische Erfahrung und ohne ausreichend
Kontakt zur Praxis geführt, die einen stark grundlagenwissenschaftlichen
Hintergrund haben. Dass die hier entwickelten Antworten nicht unbedingt zu den
Fragestellungen in der Praxis passen oder verspätet kommen, liegt auf der Hand.
Zudem fällt es so natürlich schwer, neue Angebote in der Anwendung zu
platzieren und zu kommunizieren.
Dazu kommt, dass die
Wirtschaftspsychologie ihr Potenzial nur in Teilen der Anwendungsfelder zum
Ausdruck bringt. Obgleich Wissenschaftler wie Hugo
Münsterberg oder Walter Dill
Scott sehr umfassende Konzepte vorlegten,
die zukünftige, mitunter erst heute Beachtung findende Entwicklungen und
Fragestellungen vorweg nahmen (vgl.
z.B. Scott, 1911; Münsterberg, 1912), ist eine entsprechende
Platzierung als Angebot in der
Praxis oftmals lange nicht gelungen. Ein breites Spektrum an wirtschaftspsychologischem
Potenzial wird so in der Anwendung nicht realisiert.
Eine Problematik in diesem Kontext: Die wissenschaftlichen Publikationen aus englischsprachigen Journals werden in der Praxis nicht gelesen, sind nicht verständlich gestaltet.
Die mangelnde Bekanntheit wirtschaftspsychologischer Angebote liegt anscheinend auch an der nicht nur, wie bereits angeführt,
verbesserungsfähigen, sondern darüber hinaus auch recht einseitigen
Beziehung
zur Praxis. Offenbar schwanken die in den Unternehmen vorherrschenden
Sichtweisen
die Aufmerksamkeit und Spezialisierung der Wissenschaft stark. So
spiegelt sich
die Orientierung an der Produktion in den Unternehmen im Taylorismus
und der
Blütezeit der Arbeitspsychologie wider. Beispielsweise mündet die
Unterteilung
der Funktionen in Unternehmen - etwa Produktion und Vertrieb - dann in
der
Spezialisierung der Wirtschaftspsychologie in Arbeitspsychologie und
Marktpsychologie. Unterschiedliche Berufszweige mit unterschiedlichen
Bedürfnissen wandten sich an die Wirtschaftspsychologie und
übergreifende
Fragestellungen gerieten damit in den Hintergrund.
Die Nachfrage aus der Praxis zeigt sich
hier als Motor und Antrieb aber auch als Lenker und Steuermann der
wirtschaftspsychologischen Forschung. Augenscheinlich hat die
Wirtschaftspsychologie ihre durchaus vorhandenen Ideen nicht ausreichend als
innovative Angebote in die Anwendung vermittelt, sondern häufig nur die von
dort direkt gestellten Fragen beantwortet. Lösungen für zugrunde liegende Bedürfnisse
oder unbewusste Chancen werden so nicht in die Praxis eingebracht.
Wegen der dynamischen Veränderungen im Umfeld und
innerhalb der Unternehmen sowie der zunehmenden Orientierung an übergreifenden
Prozessen statt an isolierten Funktionen ist in Zukunft jedoch von einem eher
integrierenden Einfluss der Praxis auf die Wirtschaftspsychologie auszugehen:
Unternehmen und damit auch dort angewandte Wissenschaften können es sich nicht
länger leisten, interne und externe Aspekte künstlich voneinander zu trennen.
Doch ist wohl noch eine Weile auf diesen Effekt in der Wirtschaftspsychologie
zu warten, denn die Anforderungen aus der Praxis kommen erst mit einer gewissen
Verspätung in der Wissenschaft an.
Zusammenfassend ist die Beziehung der
Wirtschaftspsychologie zur Anwendung verbesserungsfähig: Es herrscht zu wenig
Kontakt mit der Anwendung und den dortigen Bedürfnissen, die Beziehung ist zu
passiv, wenig kundenorientiert und die Angebote werden mitunter zu spät
erstellt.
Hier sollen jedoch nicht nur Defizite
angesprochen werden, sondern vor allem sich daraus ergebende Chancen aufgezeigt
werden. Die Praxis sollte innerhalb der Wirtschaftspsychologie als Kunde mit
Bedürfnissen betrachtet werden. Es darf keine Scheu geben, in neue
Anwendungsmärkte wie Investorenbeziehungen oder das Management von
Kundenbeziehungen zu gehen.
Ein intensiverer Austausch mit den Unternehmen
und Aufmerksamkeit für Entwicklungen und Trends in den Unternehmen und ihrer
Umwelt sind unerlässlich, um wichtige Fragestellungen vorherzusehen und
rechtzeitig Lösungen anbieten zu können. Geht der Kontakt mit der Anwendung
verloren, verliert auch die Wirtschaftspsychologie ihre Rechtfertigung und
Grundlage als angewandte Psychologie.
Natürlich sind ‚Paradigmen' auch in der
Praxis nie der Weisheit letzter Schluss. Daher ist zu fordern, dass die
Wirtschaftspsychologie selbstbewusst und aktiv
Impulse für Fragestellungen gibt und ihre Angebote proaktiv auf dem Markt
platziert.
Eine Chance für die Wirtschaftspsychologie ist es also, nicht nur die vordergründigen
Fragestellungen aus der Praxis aufzugreifen und zu bearbeiten, sondern die
Probleme im Hintergrund zu erkennen und aktiv Lösungen in die Praxis zu bringen,
anstatt zu warten, bis die Fragen von außen kommen.
Eine der großen Herausforderungen für
die Wirtschaftspsychologie ist es dabei, Impulse aus der Praxis schneller aufzugreifen. Der Zeitaspekt
wird insbesondere wegen der zunehmend dynamischen Entwicklung der Unternehmen
und ihrer Umwelt immer relevanter. Im Zweifelsfall kann es sonst passieren,
dass die von der Wissenschaft entwickelte Antwort erst vorhanden ist, wenn die
Fragestellung bereits veraltet ist.
Dafür ist es nicht nur wichtig, sich an
der Praxis und den Fragestellungen aus den Unternehmen zu orientieren. Auch ein
verstärkter Austausch mit anderen Wissenschaften
wie der Betriebswirtschaftslehre erlaubt die Vorhersage und das rechtzeitige
Aufgreifen von wichtigen Fragestellungen.
Die Beziehung der Wirtschaftspsychologie zur Praxis berührt auch stark die Frage nach der Beziehung von Theorie und Praxis.
Das nächste Kapitel diskutiert diesen Aspekt.
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