|
Man kann sich in der Wissenschaft auf den Standpunkt zurückziehen: Die
Wissenschaft dient rein der Erkenntnis, die Frage nach der Anwendung
ist das Thema von Praktikern, hat die Wissenschaft nicht zu
interessieren. Tatsächlich ist das bereits von den ersten
Wirtschaftspsychologen so gesehen worden (Münsterberg, 1912). In so
fern würde sich die Frage nach Werten und Ethik in einer Wissenschaft
wie der Wirtschaftspsychologie nicht stellen.
Auf der anderen Seite bezieht die Wirtschaftspsychologie ihre Fragestellung aus dem Anwendungsfeld.
Hier sollte also die Frage erlaubt sein, wessen Fragestelllungen die
Wirtschaftspsychologie erfüllt, wer sich an diese Disziplin wendet, um
Lösungsansätze für Herausforderungen zu bekommen.
Im Prinzip könnten sowohl Unternehmen als auch Konsumenten, Mitarbeiter
und staatliche oder private Funktionäre das in über einhundert Jahren
an empirischer Forschung angehäufte wirtschaftspsychchologische
Fachwissen nutzen. In der Praxis ist die Verteilung der Inanspruchnahme allerdings sehr ungleich.
Wenig verwunderlich ist, dass weder Konsumenten, noch Arbeitnehmer,
noch Funktionäre sich bisher maßgeblich an die Wirtschaftspsychologie
mit ihren Fragen gewandt haben. Wohingegen Konsumenten und Mitarbeiter
weder die finanziellen
Ressourcen haben noch die Organisationsform, um hier dagegen halten zu
können, sind die Ursachen auf Seite der Funktionäre, wie staatlichen
Einrichtungen andere: In der Öffentlichkeit pflegen politisch
verantwortliche den Mythos vom rationalen und souveränen Menschen,
Verbraucher und Mitarbeiter, der sich selbständig informiert,
vergleicht und das für ihn beste Produkt kauft, die für ihn beste
Partei wählt. Diese Ansicht wird ebenso gepflegt und von den
Mitmenschen eingefordert, wie die normative Vorstellung, dass der
Bürger frei sein soll.
Die Gründe für das Aufrechterhalten dieses Leitbildes sind letztendlich
ideologisch. Der Bürger wird als rationales Wesen stilisiert, das die
Produkte kauft, die den größten Nutzen haben und die Partei wählt, die
das für den einzelnen, das beste Programm hat. Damit wird auch die
Verantwortung zum Bürger geschoben: Er ist rational und damit
verantwortlich für die Entscheidung, die er trifft. Wirtschaft und
Politik erfüllen nach dieser Denkhaltung lediglich die Bedürfnisse der
Bürger. Diese Darstellung entgegen allen verhaltenswissenschaftlichen
Erkenntnissen ist natürlich bequem für politisch Verantwortliche,
Manipulation wäre bei einem derartigen Menschenbild gar nicht möglich.
Entsprechend vordergründig sind Maßnahmen zum Schutz von Verbrauchern
oder Mitarbeitern.
Wo immer ein Interessengegensatz zwischen Industrie und anderen
Anspruchsgruppen der Wirtschaftspsychologie besteht, hat die Industrie
umfassender die Vorteile für sich erkannt, sich schneller und
erfolgreicher an die Wirtschaftspsychologie gewandt und entsprechend
die Ausrichtung der Disziplin nachhaltig beeinflusst. Somit besteht ein
deutliches Ungleichgewicht zu Gunsten der Industrie, die sich
wirtschaftspsychologische Verfahren zu Nutze macht, um das Erleben und
Verhalten von Mitarbeitern und Kunden zu kontrollieren und zu
beeinflussen.
Alles in allem hat sich die Wirtschaft sehr früh und konsequent an
die Wirtschaftspsychologie gewandt, um sich entsprechende nützliche
Theorien zu eigen zu machen. Somit beherrschen die Fragestellungen der Industrie das Feld
der Wirtschaftspsychologie.
Das zeigt sich an den anbieternahen Forschungsthemen innerhalb der marktpsychologischen Disziplinen, wie etwa Einstellungsbildung, Werbewirkung, Zufriedenheit und Vertrauen von Kunden, Entscheidungsverhalten
und Reaktion auf Umweltstimuli am Point of Sale. Weitaus weniger erforscht werden krankhaftes Konsumverhalten und Möglichkeiten der Verbraucherinformation zum Schutz vor ungesundem Verhalten.
Gleiches spiegelt sich ebenfalls in den Inhalten der Organisationspsychologie, die sich häufig
mit den für Unternehmen interessanten Themen Arbeitsleistung, Effizienz
und Erfolg beschäftigt, für Mitarbeiter relevante Themen wie
Zufriedenheit, Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheit eher selten
als Selbstzweck in Theorien aufnimmt.
Diese Ausrichtung der Forschung
spiegelt sich auch in den einschlägigen Lehrbüchern wieder.
Stellvertretend für diese Ausrichtung an Effizienz und
Leistungsfähigkeit von Organisationen kann eine Definition aus einem
der verbreitetsten Lehrbücher der Organisationspsychologie angeführt
werden (Robbins, 2003, S. 8):
"Organizational Behavior (often abbreviated as OB) is a field of
study that investigates the impact that individuals, groups, and
structure have on behavior within organizations for the purpose of
applying such knowledge toward improving an organization's
effectiveness."
Als Konsequenz besteht ein Dreieck aus Praxis, Forschung und Lehre, das sich
wechselseitig beeinflusst; - zu Gunsten der Interessen der Industrie.
Diese Gesamtentwicklung ist wenig verwunderlich, muss doch der
praktisch arbeitende Psychologe sein Einkommen bestreiten und hat hier
als Wirtschaftspsychologe die Industrie als ersten und offensten
Ansprechpartner. Im Zuge seiner Tätigkeit kommt es ganz automatisch zu
einer gewissen Identifikation mit der Auftragsgeberseite. Hier
herrschen oftmals Orientierungen an finanziellen Ergebnissen und dem
Shareholder Value vor. Somit bleibt die Forderung unerfüllt, dass die
Wirtschaftspsychologie den Bedürfnissen aller am Wirtschaftsleben
beteiligter Menschen dienen sollte.
Das nächste Kapitel behandelt die Frage, wozu wirtschaftspsychologische Erkenntnisse von Unternehmen genutzt werden.
|